Sustainable Finance – Die Grüne Welle

Inhaltsübersicht:

Eine grüne Welle läuft durch die Brüsseler Institutionen. Ausgelöst durch den European Green New Deal und in Regularien gegossen durch die Offenlegungs- und die Taxonomieverordnung. Ein entscheidendes Puzzlestück in diesem Plan ist die Finanzwirtschaft.

Wellen sind ein komplexes Phänomen. Obwohl wir sie täglich erzeugen, wenn wir Wasser in ein Glas gießen, steigt mit ihrer Größe die Komplexität derart, dass Riesenwellen erst seit knapp 25 Jahren überhaupt erforscht werden.

Ein Tsunami, ebenfalls eine sehr große Welle, im Gegensatz zu Riesenwellen jedoch auf offener See kaum zu bemerken, bewegt unter der Oberfläche nahezu die gesamte Wassermasse aufs Land zu und türmt sich erst an der Küste zu einer zehn Meter hohen, gelegentlich sogar bis zu 50 Meter hohen Flutwelle auf.

Welche Höhe die grüne Welle aus Brüssel erreicht, ist noch nicht abzuschätzen, aber dass die Folgen gravierend sein werden, ist die erklärte Intention. Denn nichts weniger als ein kompletter Umbau des Wirtschaftssystems schwebt der Kommission mit ihrem European Green New Deal vor. Bis 2050 will die EU vollständig klimaneutral sein. Ähnliche Ziele kommen mittlerweile von der Biden-Regierung und China will seine Nettoemissionen bis 2060 auf null reduzieren. Solch langfristigen Zielvorgaben sind leicht zu setzen, ihre verbindliche Umsetzung ist dagegen schwer zu erreichen.

Interessanter sind daher die mittelfristigen Ziele. Bis 2030 sollen die Treibhausgasemissionen auf 55 Prozent im Vergleich zu 1990 reduziert werden, eine Übererfüllung des Pariser Klimaschutzabkommen. Die Kosten dafür beziffert die EU-Kommission auf eine Billion Euro und die Hälfte des Geldes soll aus der Privatwirtschaft kommen. Um dies zu erreichen hat das EU-Parlament im November 2019 mit der Offenlegungsverordnung ein rechtliches Instrument geschaffen, welches darauf abzielt, Kapital auf nachhaltigere Unternehmen umzulenken.

Mit der Taxonomieverordnung im Juni 2020 wurde schließlich ein „grüne Liste“ erstellt, welche wirtschaftlichen Tätigkeiten als nachhaltig gelten und welche Unternehmen in ihren Geschäftsberichten den Anteil an grünen Geschäftstätigkeiten nachzuweisen haben. Als EU-Verordnung erhalten sie sofort Gesetzesstatus! Eine Umsetzung in den Mitgliedsländern entfällt.

Die Vermessung der Nachhaltigkeit

An dieser Stelle kommt den Banken, Versicherungen und Investmentgesellschaften eine besondere Rolle zu, denn auch sie müssen künftig nachweisen, welchen Anteil an Krediten sie an nachhaltige Firmen und Projekte vergeben oder wie nachhaltig die Unternehmen wirtschaften, die in einen Fond aufgenommen werden. Dazu bedarf es einer Menge Daten, mit denen Finanzmarktteilnehmer mit mehr als 500 Mitarbeitern bereits seit 1. Juli diesen Jahres die Nachhaltigkeitsrisiken bei ihren Investitionsentscheidungen messbar und transparent machen müssen.

Das Thema Nachhaltigkeit ist nicht nur in Brüssel auf der Agenda, da sich zum einen Firmen zunehmend Forderungen gegenüber sehen Umweltrisiken einzupreisen oder zu entschädigen: BP hat 18,7 Mrd. $ an Entschädigung für die Ölpest im Golf von Mexico gezahlt und die Pacific Gas and Electric Company (PG&E), ein kalifornisches Energieunternehmen, musste Konkurs anmelden, als klar wurde, dass ein Auslöser für die riesigen Waldbrände an der amerikanischen Westküste defekte Stromleitungen der Firma waren und Kosten von 30 Mrd. $ erwartet wurden. Die Versicherer haben diese Zahlen stets im Blick.

Zudem sind Investmentgesellschaften bereits seit längerem dabei, ESG-Prinzipien (Environmental, Social, Governance) in ihren Investitionen zu berücksichtigen. Und schließlich können Vermögensverwalter ihren Kunden angesichts sinkender Margen verschiedene Formen grüner Anlagen anbieten und dabei höhere Gebühren abrechnen.