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Wenn aus Prozessen lernende Systeme werden

Verfasst von Frank Oehlschläger   //  
Verfasst von Frank Oehlschläger
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Vor einem Jahr stellte Camunda den Begriff der Agentic Orchestration vor; in diesem Jahr stand fast die gesamte Veranstaltung unter diesem Vorzeichen. Drei Tage, vier Tracks, über 45 Sessions und nach Veranstalterangaben mehr als 1.000 Teilnehmer – Amsterdam vom 19. bis 21. Juli war das bislang größte Firmenevent.

Auf der JAX und der JavaLand lautete die Botschaft in diesem Frühjahr: Künstliche Intelligenz ist kein Highlight mehr, sie ist zur Normalität geworden – ein Querschnittsthema, das überall mitläuft. Die zweite CamundaCon im altehrwürdigen Beurs van Berlage setzte einen anderen Schwerpunkt: Es ging nicht darum, mit KI bestehendes nachzubauen, sondern auf ihrer Basis Neues zu erschaffen.

Das Konzept trägt einen großen Namen: The Great Re-Engineering. Die These: Jeder heute laufende Prozess sei bereits Legacy, weil er für eine Welt ohne KI entworfen wurde – Genehmigungsketten und manuelle Übergaben existieren nur in ihrer bestehenden Form, weil früher allein Menschen Dokumente lesen und Ermessensentscheidungen treffen konnten.

KI-Sprachmodelle nachträglich einzubauen mache einen Prozess nur rund 20 Prozent schneller– echte Transformation entstehe erst, wenn man rückwärts vom Ergebnis denkt und den Workflow KI-nativ neu konstruiert.

Theorie und Praxis

Der konzeptionelle Kern, den Camunda seit einem Jahr verfolgt, lässt sich nüchtern fassen: Agentic Orchestration ist die Integration von KI in Prozessmodelle. Technisch bedeutet das eine Anreicherung der bislang deterministischen BPMN-Strukturen um ein dynamisches Element. Wo ein klassischer Prozess fest verdrahtet vorgibt, unter welchen Bedingungen welcher Schritt folgt, übernimmt nun ein KI-Agent die Entscheidung an definierten Stellen.

Die Folge ist eine grundlegende Verschiebung: Theoretisch kann jede einzelne Prozessinstanz einen anderen Verlauf nehmen. Es ist der Übergang vom Deterministischen zum Probabilistischen – also BPMN kombiniert mit der Dynamik, die die Sprachmodelle hineinbringen.

Die Agenda war auffällig dicht mit produktionsnahen Fällen besetzt, ein erheblicher Teil davon kam aus dem regulierten Finanz- und Versicherungssektor: Barclays (Post-Trade Settlement), Commerzbank (Corporate Onboarding von Wochen auf 48 Stunden), NatWest (Echtzeit-Betrugsprävention), BNP Paribas (KYC-Updates), Cboe Clear Europe und Clearstream im Clearing. Hinzu kamen die Bereiche Telco (Magenta Telekom, Telefónica, Proximus, Bouygues), Industrie (Panasonic, Saab, Beiersdorf, Audi) sowie der öffentliche Sektor.

Das übliche Reifegrad-Problem bleibt dennoch sichtbar und wurde zur rhetorischen Klammer der gesamten Konferenz: Viele Organisationen experimentieren, aber nur wenige bekommen die Use Cases produktiv. Eine vorab durchgeführte Befragung von 1.150 IT-Führungskräften ergab, dass im Vorjahr zwar 71 Prozent der Organisationen KI-Agenten einsetzten, aber in 85 Prozent der Anwendungsfälle die nötige Prozessreife fehlte und nur 11 Prozent die Produktion erreichten.

Von der Idee zum Produkt: ProcessOS

Die strategische Hauptankündigung der Konferenz fiel in die Opening Keynotes: ProcessOS, von Camunda als „agentisches Betriebssystem für Geschäftsprozesse" positioniert. Der entscheidende Punkt für die Wahrnehmung vor Ort war weniger das Konzept als der Reifegrad der Demonstration.

Gezeigt wurde nicht nur eine Roadmap, sondern auch ein laufendes System. Die Folien dokumentierten den Unterschied zwischen Planung am Mittwoch und funktionierendem Stand am Donnerstag, live vorgeführt – für eine Produktvorstellung war das eine ungewöhnlich konkrete Inszenierung. Direkt im Anschluss wurde die Closed Beta gestartet und vorrangig große Kunden zur Teilnahme aufgerufen.

Funktional bündelt ProcessOS vier KI-Agenten über den gesamten Prozesslebenszyklus:

  • Discover: wie ein Prozess tatsächlich läuft, nicht wie er dokumentiert ist
  • Re-engineer: Neuentwurf entlang gewünschter Ergebnisse
  • Build & deploy: Generierung von BPMN-Modellen, Worker-Code, Connectoren und Tests
  • Kontinuierliche Verbesserungen nach dem Go-live

Das Go-to-Market-Modell heißt Process Zero: Ein Team von Camunda-„Forward Deployed Engineers" (FDE) bettet sich in die Organisation ein, definiert ein messbares Ergebnisziel und liefert den ersten produktionsreifen agentischen Prozess end-to-end. Die Anleihe beim FDE-Modell von Palantir ist unverkennbar und signalisiert, dass Camunda Enterprise-Transformation als beratungsnahes Geschäft begreift, nicht als Self-Service-Produkt.

Erwähnenswert für technisch Interessierte: ProcessOS lässt sich über „Agent Skills" als Plugin in der eigenen IDE nutzen. Die übergreifende Orchestrierungs-Architektur bleibt betont offen – BPMN und DMN als ISO-Standards, modell- und anbieteragnostisch über MCP und A2A erreichbar, lauffähig in jeder souveränen Umgebung. Diese strukturelle Offenheit ist ein echtes Differenzierungsmerkmal gegenüber Plattformen mit proprietärem Prozessformat und insbesondere für europäische, souveränitätssensible Anwender relevant.

Das Ende der Arbeit?

Innerhalb eines Jahres hat Camunda Agentic Orchestration von einer Ankündigung zu einer Praxis mit vorzeigbaren Produktionsfällen entwickelt. ProcessOS treibt diese Linie konsequent weiter und überführt das Kaizen-Versprechen kontinuierlicher Verbesserung erstmals in ein automatisiert lernendes System.

Die zentrale Botschaft der CamundaCon 2026 ist daher weniger eine Drohung als eine Aufforderung: Die Aufgaben in der IT verändern sich so massiv, dass auch die Fachleute sich massiv verändern müssen, um relevant zu bleiben. Wer diese Perspektivverschiebung vollzieht, für den ist die Entwicklung beherrschbar. Wer sie verweigert, wird den KI-Fortschritt als Bedrohung erleben.

Die Aufgaben verschieben sich vom reinen Coding hinzu Positionen von Architekten und Reviewer. Das erfordert zwar eine neue Perspektive, aber braucht weiterhin tiefe Detailkenntnisse. Gefragt ist mehr Generalistenblick als reine Hacking-Skills. Insofern sehen wir wohl nicht das Ende der IT-Arbeit, aber das Ende einer bestimmten Vorstellung von ihr.

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