Die Zukunft des Geldes: Evolution ins Digitale
Die Transformation des globalen Finanzsystems nimmt Formen an. Zentralbanken weltweit arbeiten an einer Vision, die auf tokenisierten Vermögenswerten, programmierbaren Plattformen und der bewährten Infrastruktur des Zwei-Stufen-Geldsystems basiert.
Unified Ledger nennt die Bank for International Settlements (BIS) dieses Konzept: gemeinsame Infrastruktur, bewährte Arbeitsteilung. Technisch nutzen alle dieselbe Plattform; institutionell bleiben die komplementären Rollen von Zentralbanken und Geschäftsbanken erhalten.
„Wenn Zentralbankgeld, Geschäftsbankgeld und andere Vermögenswerte auf derselben Plattform zusammengeführt werden, alles tokenisiert ist und miteinander interagiert, dann eröffnet das ganz neue Möglichkeiten." so Hyun Song Shin, Head of Research der BIS, bei der Präsentation des Konzepts.1
Vertrauen in das Zwei-Stufen-Geldsystem
Am 24. Juni 2025 veröffentlichte die BIS ihren Jahresbericht mit einem wegweisenden Kapitel zur nächsten Generation des monetären und finanziellen Systems. Vertrauen in Geld ist demnach eine soziale Konvention, die für das Funktionieren jeder modernen Wirtschaft unerlässlich ist.
Dieses Vertrauen basiert auf der gemeinsamen Erwartung, dass Geld, das heute akzeptiert wird, auch morgen als Zahlungsmittel angenommen wird. Diese Erwartung ist nur dann gerechtfertigt, wenn der Geldwert tatsächlich stabil bleibt und die Geldmenge mit der Wirtschaftsaktivität skalieren kann.
Komplementäre Rollen
Das moderne Zwei-Stufen-Monetärsystem besteht aus Zentralbankreserven und Geschäftsbankgeld, die komplementäre Positionen einnehmen:
- Zentralbanken stellen die höchste Form des Geldes bereit, sichern die endgültige Abwicklung und gewährleisten Stabilität und Vertrauen in die Rechnungseinheit. Bei kurzfristigem Liquiditätsdruck fungieren sie als Kreditgeber letzter Instanz für Banken.
- Geschäftsbanken emittieren Geld in Form von Krediten an den Privatsektor. Prudentiale Regulierung und Aufsicht sowie Einlagensicherungssysteme gewährleisten die Sicherheit dieses Geldes.
Die drei Säulen der tokenisierten Zukunft
Die nächste Generation des monetären Systems verspricht atomare Transaktionen, höhere Liquidität und eingebettete Compliance. Ihr Fundament bilden drei tokenisierte Elemente, die zusammen auf dem Unified Ledger operieren: Zentralbankreserven, Geschäftsbankgeld und Staatsanleihen:
- Tokenisierte Zentralbankreserven bieten ein stabiles und vertrauenswürdiges Abwicklungsvermögen für Großtransaktionen in einem tokenisierten Ökosystem, wodurch die Singleness des Geldes gewährleistet wird. Sie ermöglichen auch die Implementierung der Geldpolitik auf einer tokenisierten Plattform.
- Tokenisiertes Geschäftsbankgeld baut auf dem bewährten Zwei-Stufen-System auf und bietet neue Funktionalitäten, während Vertrauen und Stabilität erhalten bleiben. Es ermöglicht die atomare Abwicklung von Zahlungen, bei der alle Schritte synchron entweder vollständig oder gar nicht ausgeführt werden. Dies macht separate Messaging- und Abstimmungsprozesse überflüssig.
- Tokenisierte Staatsanleihen können als Eckpfeiler der Finanzmärkte die Liquidität verbessern und verschiedene geldpolitische Operationen unterstützen. Sie ermöglichen schnellere Settlements und reduzieren Transaktionskosten im Handel. Erste empirische Untersuchungen zeigen geringere Spannen zwischen Kauf- und Verkaufspreisen (Spreads), was auf höhere Liquidität hindeutet.
Agustín Carstens, bis zur Jahresmitte Generaldirektor der BIS, brachte die Vision auf den Punkt bei der Vorstellung des Reports: „Die nächste Generation des monetären und finanziellen Systems verbindet bewährtes Vertrauen in Geld, getragen von Zentralbanken, mit den durch Tokenisierung ermöglichten Funktionalitäten.“2
Token ist nicht gleich Token
Damit diese Vision funktioniert, muss das System bestimmte Eigenschaften aufweisen. Doch welche sind das konkret? Und vor allem: Welche Token erfüllen sie? Der BIS-Bericht nennt drei fundamentale Tests, die jedes funktionsfähige Zwei-Stufen-Geldsystem bestehen muss – und anhand derer sich zeigt, warum privat emittierte Stablecoins diese Tests nicht bestehen:
- Singleness of Money: Das Kernelement moderner monetärer Austauschverfahren ist die Abwicklung von Zahlungen zum Nennwert (at par). Das bedeutet, der Preis des Geldes ist im Verhältnis zur Rechnungseinheit fest auf eins gesetzt.
Geld ist informationsunempfindlich: Akteure akzeptieren es ohne weitere Prüfung. Die Singleness bezieht sich dabei nicht auf das Kreditrisiko von Bankeinlagen, sondern auf den Zahlungsvorgang selbst, der immer zum Nennwert abgewickelt wird, da er durch Zentralbankreserven gedeckt ist. - Elastizität: Dies bezieht sich darauf, ob Geld die Flexibilität bietet, den Bedarf an Zahlungen mit großem Wert in der Wirtschaft zu decken, sodass Verpflichtungen rechtzeitig erfüllt werden und keine Engpässe das System lahmlegen.
In modernen Real-Time Gross Settlement (RTGS)-Systemen stellen Zentralbanken Banken elastisch Reserven zum Leitzins gegen hochwertige Sicherheiten zur Verfügung. Banken wiederum können durch Kreditvergabe, einschließlich Überziehungskrediten und Kreditlinien, Geld schaffen, um komplexe Zahlungsverpflichtungen zeitnah zu erfüllen. - Integrität beschreibt die Fähigkeit, das System gegen Finanzkriminalität und illegale Aktivitäten zu schützen. Ein System, das Betrug, Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung nicht effektiv bekämpft, kann das Vertrauen der Gesellschaft nicht gewinnen. Daher sind Maßnahmen zur Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung (AML/CFT) sowie Know-Your-Customer (KYC)-Standards unerlässlich.
Private Stablecoins, die überwiegend an den US-Dollar gebunden sind, scheitern strukturell an zwei Tests: Ihre 1:1-Parität zur Rechnungseinheit ist kein institutionell garantierter Mechanismus, sondern „nur“ ein Marktversprechen. Und, sie können die Geldmenge nicht elastisch steuern – ihre Emission ist passiv an Auflagen gekoppelt, ohne geldpolitische Funktion.
Der GENIUS Act, der am 18. Juli 2025 vom US-Congress verbaschiedet wurde, adressiert das Integritätsproblem durch Lizenzierung und Aufsicht, integriert Stablecoins aber nicht ins Zwei-Stufen-System: Sie werden regulierte Finanzinstrumente, bleiben aber monetär außerhalb des Zwei-Stufen-Systems.
Der BIS-Jahresbericht markiert weniger einen Anfang als einen vorläufigen Abschluss: Die Grundsatzfragen sind beantwortet, die technischen Standards definiert, die institutionellen Rollen geklärt. Was folgt, ist keine weitere Iteration theoretischer Modelle, sondern die erste koordinierte Umsetzungsphase. Nicht nur wegen des Zielhorizonts für den digitalen Euro in 2029 - die zweite Hälfte der 2020er wird zur Implementierungsdekade.
2025: Das Jahr der Konvergenz
Die erste Hälfte der 2020er sah viele nationale CBDC-Experimente – brillante Prototypen ohne gemeinsame Sprache. Bis die BIS vor zwei Jahren den Unified Ledger vorstellte: eine Architektur für ein System, das nicht fragmentiert, sondern verbindet. Was folgte? Programmierbare Bankeinlagen neben digitalem Zentralbankgeld und private Stablecoins im unregulierten Raum. 2025 schließt sich der Kreis. Die Infrastruktur steht, die Gesetze sind geschrieben.
Phase 1: Ausrichtung – Frühjahr
FED-Präsident Jerome Powell artikuliert die strategische Richtung vor dem Senat: Stablecoins gehören ins regulierte System, nicht außerhalb. Die Fed signalisiert Bereitschaft zur Integration unter klaren Bedingungen. EZB-Präsidentin Lagarde setzt parallel europäische Zeitlinien für den digitalen Euro.
BIS-Project Agorá liefert den Beweis: Sieben Zentralbanken wickeln grenzüberschreitende Zahlungen in Sekundenschnelle ab. Keine mehrtägigen SWIFT-Ketten mehr. T+0 statt T+2. Die Infrastruktur funktioniert.
Phase 2: Architektur – Sommer
Der Jahresbericht definiert die Unified Ledger als Integration von tokenisiertem Zentralbankgeld, programmierbaren Bankeinlagen und regulierten Stablecoins. Eine Infrastruktur, drei Geldformen. Atomare Settlements, eingebettete Compliance, Echtzeit-Kapitalmarkt. Das Finternet nimmt Gestalt an.
Einen Monat später antwortet Washington mit umfassender Regulierung. Der GENIUS Act schafft Rechtssicherheit für in US Dollar denommierten Werteinheiten (Stablecoins). Deren Emittenten werden nun lizenziert und beaufsichtigt. Stablecoins erhöhen die Nachfrage nach US-Staatsanleihen mit kurzer Laufzeit (T-Bills). Die Dollar-Dominanz wird programmierbar.
Phase 3: Operationalisierung – Herbst
Die EZB finalisiert das Rulebook mit Zertifizierungsverfahren für Intermediäre, technischen Standards für die Integration und Governance-Strukturen für den Betrieb. Der digitale Euro bewegt sich von der Konzeption zur Implementierung. Was jahrelang Experiment war, wird nun Infrastruktur.
In den USA setzt der private Sektor um. Der GENIUS Act hat den rechtlichen Rahmen geschaffen, regulierte Institutionen bauen die Produkte. Mehrere Großbanken kündigen Stablecoin- und Tokenized-Deposit-Programme an. Auf beiden Seiten des Atlantiks konvergieren Dollar und Euro auf identische technologische Grundlagen – bei unterschiedlicher Governance. Keine Disruption, sondern die Evolution ins Digitale.