Sustainable Finance – Die Grüne Welle

Inhaltsübersicht:

Green Finance – ein Trend der bereits existiert?

Werden also aus Brüssel offene Türen eingerannt? Hat die Finanzwirtschaft den Trend vorweggenommen? Ist die grüne Welle ein Plätschern auf einem Strom, dessen Fließrichtung längst bestimmt wurde? Zwischen 2015 und 2020 hat sich der Anteil an Unternehmen im Euro Stoxx 600, die ihre Emissionen veröffentlichen, von 40% auf 79% nahezu verdoppelt. Die USA mit 67% der Unternehmen im S&P 500 zeigt ähnliche Zahlen. Da scheint eine Offenlegung messbarer ökologisch nachhaltiger Wirtschaftstätigkeiten ein kleiner und folgerichtiger Schritt zu sein.

Der Teufel steckt jedoch wie so oft im Detail. Unternehmen nutzen für diese Form der Bilanzierung von Treibhausgasemissionen das GHG Protocol (Greenhouse Gas Protocol). Das Protokoll kennt drei Stufen der Emissionsmessung. Von den Firmen angegeben werden in der Regel die Scope-1 Emissionen, welche die Unternehmen selber erzeugen und daher mit Ausnahme der Energieunternehmen, Luftfahrt oder der Schwerindustrie oft eine geringe Rolle spielen. Die Scope-2 Emissionen sind indirekt genutzte Emissionen, darunter fällt zumeist eingekaufte Energie in Form von Elektrizität. Scope-3 Emissionen versuchen schlussendlich den C02-Fußabdruck der gesamten Wertschöpfungskette zu erfassen, von der Herstellung genutzter Güter bis zur Entsorgung der Abfälle.

Scope-1 Emissionen sind durch Änderung der Geschäftsprozesse zu reduzieren, bei Scope-2 Emissionen dagegen ist bereits eine ausreichende Versorgung mit Erneuerbarer Energie oder alternativ Nuklearenergie Voraussetzung. Während in Deutschland Ende 2022 die letzten Kernkraftwerke abgeschaltet werden sollen, setzen Frankreich und die USA weiterhin auf diese öffentlich umstrittene aber CO2-arme Energieversorgung. Dass der Green New Deal Kernkraft nicht erwähnt, sondern das Thema umschifft, ist daher wenig überraschend.

Hohe Scope-3 Emissionen sind ein Hinweis auf Geschäftsmodelle, die entweder auf der Zulieferer- oder der Kundenseite hohe Emissionsraten verzeichnen. Um dies zu ändern müsste eine Firma die Geschäftspraktiken ihrer Zulieferer kontrollieren oder den Kundenstamm wechseln. Daher ist es wenig verwunderlich, das Scope-3 Emissionen zu einem deutlich geringeren Teil in den Bilanzen ausgewiesen werden.

Stattdessen orientieren sich viele Regularien, wie die Taxonomieverordnung, für den Moment an der Förderung grüner Investitionen. Umweltschädliche Produktion wird aus bestimmten Investitionsmodellen ausgeschlossen – basierend auf dem „do no harm“-Prinzip des Green New Deals – oder emissionsarme Firmen gefördert. Die Bestimmung dieses CO2-Abdrucks ist wie gezeigt nicht trivial. Apple hat einen Bruchteil der Emissionen von Samsung, da Samsung selbst produziert und Apple die Herstellung auslagert.

Die Begrünung der Wirtschaft ist in vollem Gange

Klimapolitik ist derzeit zumeist abstrakt und daher akzeptabel für viele Firmen. Sie kommt in Form von Steuern oder Abgaben auf Energie, sie bestimmt jedoch noch nicht primär die Geschäftsentscheidungen. Um ganze Wirtschaftszweige klimaneutral zu machen, reichen die vorhandenen Technologien nicht aus, wenn nicht gleichzeitig der Lebensstandard breiter Bevölkerungsschichten reduziert wird, was Einfluss auf die Kaufentscheidungen hat.

Dazu müssen die CO2-Preise entsprechend ansteigen um die erwünschten Verhaltensänderungen zu zeitigen. Und sehr wahrscheinlich notwendige Technologien wie CO2-Abscheidung und -Speicherung, die an den betroffenen Lagerstätten in der Bevölkerung unpopulär sind, werden ohne ein gewisses Maß an Ökodiktatur nicht durchsetzbar sein.

Für die grüne Welle der Regularien werden die nächsten zwei Jahren entscheidend sein. Bis dahin soll nicht nur der Weg zur CO2-Neutralität vorgezeichnet werden, sondern auch der Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft, in der Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch voneinander entkoppelt werden.

Der Wasserspiegel steigt also langsam an und noch ist nicht klar, welche Höhe die Welle letztlich wirklich erreicht, wenn sie auf Land in Form der Realwirtschaft trifft. Doch es gibt bereits Institutionen, die auf ihr in eine grüne Zukunft reiten wollen. Die Schweizer Großbank UBS sieht eine Zukunft in der ein komplettes Finanzsystem auf CO2-Preisen und Emissionshandel basiert. Die Schweizer selbst haben im Gegensatz dazu am 13. Juni ein CO2-Gesetz abgelehnt, welches das Land auf die Pariser Klimaziele verpflichtet hätte.