"Unsere Talente haben eine hohe intrinsische Motivation“

Prof. Markus Fischmann ist Direktor des Instituts für digitale Medien und Professor für Animation und Game Design an der Hochschule Hannover. Er arbeitete zuvor als Animation Director, Head of 3D und gründete die Produktionsfirma „digitalfish“. Im Jahr 2000 wurde er Deutschlands jüngster Professor.

Die Hochschule Hannover zielt mit den drei Studienschwerpunkten Film, Animation und Spiele auf eine spätere Tätigkeit der Studenten in der Unterhaltungsindustrie. Was sind die Gründe für diese Ausrichtung?

Wir sind uns bewusst, dass die Unterhaltungsindustrie ein großer und aussichtsreicher Markt ist. Immer mehr Menschen weltweit haben die zeitlichen und finanziellen Ressourcen, um Medienprodukte zu konsumieren. Der Bereich Film ist dabei schon stark frequentiert. Steigerungspotenzial hat vor allem der Bereich Animation.

Seit einiger Zeit werden Hollywoodproduktionen in Visual-Effects- oder Animationsstudios in Deutschland koproduziert. Wir haben viele erfolgreiche Studenten, die zum Beispiel bei Game of Thrones, Avatar, Babylon Berlin, Harry Potter oder Captain America mitgearbeitet haben.

Wir glauben auch daran, dass die Computerspiele-Industrie in Deutschland ausbaufähig ist. Es gibt inzwischen mehrere größere Firmen hierzulande, zu denen unsere Studenten nach dem Studium gehen können. Eine Kostprobe der studentischen Arbeiten finden Sie auf der Motion-Cube-Website.

Welche Einsatzbereiche gibt es noch?

jk 03„Mediendesigner machen keine Kunst, ihr Job ist die Gestaltung.“Die Technologien aus der Unterhaltungsbranche werden nun auch in der Industrie verwendet. Allen voran geht die Autoindustrie, die immer mehr unserer Absolventen aufnimmt. VW beispielsweise verwendet sehr viele Medienprodukte, um ihre Ideen zu visualisieren. Themen wie Virtual Reality oder Augmented Reality dringen immer tiefer in die Güterproduktion vor.

Sie werden zitiert mit: „Mediendesigner machen keine Kunst, ihr Job ist die Gestaltung“. Wie haben Sie das gemeint? Dies ist ein ganz wichtiger Satz, den ich jedem Erstsemester mitgebe. Denn in diesem Beruf läuft es nicht auf Selbstverwirklichung hinaus. Dafür müsste man freie Kunst studieren. Gestaltung bedeutet in unserem Fall die nutzenorientierte Kommunikation mit einer bestimmten Zielgruppe.

Die angehenden Mediendesigner müssen verstehen, dass sie beruflich den Kommunikationsauftrag eines Kunden umsetzen. Ihre Aufgabe ist es, diesen dabei zu unterstützen, kunstfertig bestimmte Inhalte zu kommunizieren. Jedem steht selbstverständlich frei, ethische Grenzen zu setzen, wenn persönliche Werte auf irgendeine Art und Weise während der Umsetzung verletzt würden.

Sie engagieren sich auch in der Gesundheitsbranche z.B. mit Realitätssimulationen. Was ist ihr Ziel in diesem Bereich?

Wir möchten den Menschen die Möglichkeit geben, Wissen schneller, einfacher und effektiver aufzunehmen, insbesondere in der Ausbildung. Mediziner müssen sich viele Themen auf einer oft sehr abstrakten Ebene erarbeiten. Hier wäre es wesentlich effektiver, die Sachverhalte mit realistischen Modellen zu demonstrieren und über die Wissensvermittlung in Büchern hinauszugehen.

Wir sind ebenfalls dabei, neue Wege im Bereich der Patientenaufklärung zu gehen. Die Medizin hat ihre eigene Sprache, die sich den Patienten nicht unmittelbar erschließt. Statt Schwarz-Weiß-Bilder könnten Ärzte ihre Befunde dann mithilfe dreidimensionaler Objekte erläutern.

Fast 20 Jahre nach dem ersten vollständig computeranimierten Kinofilm „Final Fantasy“ (2001) – Wo steht die Technik heute?

Ich darf mir erlauben, das zu korrigieren. Der erste vollständig computeranimierte Kinofilm war Toy Story. Final Fantasy war der erste vollständig computeranimierte Film mit dem Versuch, fotorealistisch zu sein, also menschliche Darsteller zu zeigen.

Diese Thematik ist Bestandteil des sogenannten Character Design. Je näher eine Figur dem realistischen menschlichen Aussehen kommt, desto näher fühlen wir sie. Studien aus der Robotik zeigen, dass kurz vor der einhundertprozentigen Ähnlichkeit die Empathie abbricht. Die Figur ist fast realistisch menschlich, aber wir gruseln uns dann vor ihr. Dieser Effekt nennt sich das Uncanny Valley.

Wie bei Final Fantasy?

Ja, das hat vielen Zuschauern nicht gefallen. Mittlerweile sind wir aber so weit, dass wir die fehlenden Prozentpunkte überspringen können. In den Filmen sind sogenannte Digital Doubles zu sehen, computeranimierte Schauspieler.

Eine klassische Szene findet sich im Film „Titanic“, wo die Leute versuchen ins Wasser zu springen und dann auf die Schiffsschraube aufschlagen. Das waren alles digitale Menschen. Im Szenenschnitt werden geschickt Nah- und Fernaufnahmen gemischt und nur bei Nahaufnahmen sieht der Zuschauer die menschlichen Schauspieler.

Wird es bald nur noch computeranimierte Schauspieler geben?

jk 03„Wir wollen die Programmierkompetenz der Designer stärken.“Ist Ihnen Andy Serkis ein Begriff? Das ist sozusagen DER Digital Actor unserer Tage. Er hat Gollum in „Herr der Ringe“ oder den Menschenaffen in „King Kong“ gespielt. Ein toller Schauspieler, der sich in diese Technik eingearbeitet hat. Damit kann er alles spielen, weil er von seiner Körperlichkeit befreit ist.

Damit geht auch eine gewisse Machtverschiebung einher. Wer seine Äußerlichkeit, also das Recht an seiner digitalen Darstellung besitzt, der kann bestimmen, welche Filme mit seinem Charakter umgesetzt werden. Ob sich dann bald jeder scannen lässt, ist reine Spekulation.

Wie hat sich die Hochschule Hannover seit Antritt Ihrer Professur im Jahr 2000 entwickelt?

Wir sind mittlerweile die Fakultät mit den meisten Studenten an der Hochschule Hannover. Seit 2012 sind wir auch der bewerberstärkste Studiengang. Es bildet sich bei uns sozusagen die Nachfrage des Arbeitsmarkts bezüglich Hinwendung zu digitalen Medien ab.

Wir haben inzwischen den Schwesterstudiengang „Mediendesign Informatik“ gegründet, der Gestaltung und Technik zusammenführt und die Programmierkompetenz der Designer stärkt. Seit 2011 veranstalten Sie das „Motion Cube Festival“ auf der EXPO Plaza.

Was waren Ihre Beweggründe dafür?

Ich habe die Veranstaltung 2012 gegründet, weil ich die Arbeitsergebnisse der Studenten würdigen wollte. Unsere Talente haben eine enorm hohe intrinsische Motivation – sie wollen sich kreativ ausleben und schöpferisch tätig sein. Dafür musste ein Rahmen geschaffen werden.

Wir können auf dem Festival zeigen, welche fantastischen Ergebnisse aus Hannover kommen. Das funktioniert, weil wir alle Studenten zusammenbringen und eine Leistungsshow machen. So sehen die Besucher auch, dass sich die viele Arbeit lohnt und man es damit bis nach Hollywood schaffen kann.

Wäre ein Leben als Media-Unternehmer eine Alternative zur Wissenschaft gewesen?

Ich komme ursprünglich aus der Praxis und habe den Anfang der Computeranimation in Deutschland miterlebt. Damals suchte man nach Freelancern, die sich in dem Bereich auskennen.

Mit viel Pragmatismus bei den Projekten habe ich zusammen mit anderen Kollegen zu Beginn eine kurze Animation für den WDR, eine Wahlwerbung für die Grünen und Teile des Films „Asterix in Amerika“ produziert. Nach vielen weiteren Projekten wurde ich im Jahre 2000 Deutschlands jüngster Professor, zusammen mit einem Kollegen aus Tübingen. Das hat mich als jemanden, der seinen Weg allein finden musste, schon stolz gemacht.

[Das Gespräch führten Michael Stratmann und Kay Bartelt]